Bericht von Sebastian Seitz aus Benin/Afrika

Von Sebastian Seitz habe ich eine Mail mit einem faszinierenden Bericht über die Peugeots in Benin/Afrika, wo er derzeit arbeitet, erhalten. Diesen Bericht möchte ich Euch nicht vorenthalten...

 

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Lieber Michael Semmler,

erst einmal Glückwunsch zu Ihrer sehr schönen Webseite, auf die ich durch einen holländischen Freund (der neben vielen 404 u.a. einen 504 Break Super Luxe, Bj. 1973, in goldenem Originallack aus Frankreich besitzt) gestoßen bin.

Nun hat mir mein Freund Michael Martin, mit dem ich 1986 zum ersten Mal in der Sahara unterwegs war, erneut einen Link zu Ihrer Seite geschickt. Ich bin der, der sich damals mit dem Citroen GS durch die Sahara gewagt hat und diesen dann schließlich aufgeben musste, kurz vor dem Ziel Gao/Mali und den Rest der Reise im 504 Familiale von Michael verbringen musste.

Ich bin sehr erstaunt, wie viele 504-Eigner es noch (oder wieder) gibt in Deutschland, denn aus dem Straßenbild sind sie ja völlig verschwunden. Besonders begeistern kann ich mich über schon vor 30 Jahren extrem seltene Versionen wie der 504 Automatique von Herrn Kaiser, mit dem Lenkrad der allerersten Serie.

Derzeit lebe und arbeite ich in der Hauptstadt der Republik Benin, Porto Novo. Benin dürfte die höchste Peugeot 504/404/505-Dichte der Welt heutzutage bieten. Während die Peugeots in den meisten Ländern Afrikas längst kleinen Toyota-Bussen weichen mussten, wird der Überlandverkehr hierzulande praktisch ausschließlich in 504 und 505 Limousinen und Familiales abgewickelt. Da Benzin offiziell an der Tankstelle nur 425 FCFA und schwarz aus Flaschen und Kanistern (aus dem nahen Nigeria herüber geschmuggelt) nur 300 FCFA kostet (0,65 bzw. 0,45 Euro), fahren hier nur die Benzinversionen herum. In der Elfenbeinküste hingegen, wo es auch noch sehr viele 504 und 505, aber den Schwarzmarkt nicht gibt und der Sprit teurer ist, ausschließlich Dieselversionen.

Den 404 sieht man als Limousine auch hier so gut wie gar nicht mehr. Einige wenige 404 Familiale sind noch im Einsatz als Überlandtaxis, aber sicher nicht mehr lange.
Der 404 Baché (Pick-Up), der ja bis mindestens 1989 gebaut wurde, ist sozusagen der moderne Esel. Keiner wird so grotesk wie er überladen, gequält, keiner ist so langsam unterwegs. Er scheint unzerstörbar zu sein. Er existiert noch zu Tausenden, ist hier viel beliebter als sein Nachfahre, der 504 Baché.

Bei den 504 sind alle Versionen im Einsatz. Noch viele alte „GL“ mit Einzelradaufhängung, in der Hauptsache allerdings die Starrachsenmodelle GR, SR aus europäischer und nigerianischer Produktion. Bei den Breaks ist es ähnlich. Die Modelle aus Nigeria sind qualitativ deutlich schlechter. Dort wurde der 504 ja bis 2003 gebaut, zuletzt wieder mit 2-Liter-Motor, aber immer mit Starrachse. Dieselmodelle werden auf Benzinmotoren umgerüstet. Überhaupt, die Umbauten an den Autos… Aber das wäre eine eigene Geschichte! Nur so viel: Es gibt inzwischen auch für den 504 (Limousine und Break) Rücklichter in LED-Optik!
Der 505 ist natürlich rein mengenmäßig am häufigsten vertreten. Heute habe ich sogar einen sehr seltenen 505 Familiale Turbo aus den USA (gab es nie in Europa als Break/Familiale!) hier gesehen und fotografiert. Eigentlich viel zu schade, um hier langsam runtergeritten zu werden.

Die 505 Break/Familiale sind dem 504 wohl ebenbürtig. Die 505 Limousinen sind jedoch im Heckbereich zu schwach gebaut: Durch das ständige Überladen knickt das Heck unterhalb der C-Säule leicht ab, es entsteht auf beiden Seiten eine Delle. Ein Rückschritt zum 504, der diese Problem nicht kennt.
Natürlich habe ich gleich nach meiner Ankunft im Land nach einem gut erhaltenen 504 GL aus französischer Produktion gesucht. Denn beim 504 glaube ich, ein seltenes Phänomen zu beobachten: Die Qualität der Innenraumausstattung wurde von 1968 bis Produktionsende immer schlechter. Für mich ist das hochwertigste Armaturenbrett das der ersten und 2. Serie, bis zur Einführung des neuen, umschäumten Lenkrads (1975 oder 1976, wenn ich mich nicht täusche). Nach dem Billigplastik-Armaturenbrett, das auch die letzten in D angebotenen Modelle hatten, kam irgendwann in den 1990er Jahren ja noch mal eine „neue“ Version, mit dem Tacho des Peugeot 104 heraus.

Leider liegen die Vorstellungen davon, was „guter Zustand“ ist, zwischen einem Beniner und mir diametral auseinander. Hier heißt das, dass der Motor noch läuft ohne allzu sehr zu stottern. Alles andere ist wurscht. Die Motoren werden immer wieder überholt, was ja wegen der nassen Laufbuchsen und der Nähe zu Nigeria kein Problem ist. Aber die Qualität der Nigeriateile (vermutlich eher aus China stammend) ist katastrophal. Jedenfalls ist es mir bisher nicht gelungen, einen 504 aus den 70er Jahren in einem akzeptablen Zustand aufzutreiben. Der Nachschub an 504 aus Europa ist natürlich schon längst zum Erliegen gekommen, während man ab und zu noch 505 und 404/504 Baché frisch aus Europa (Frankreich) in den riesigen Verkaufsparks im Hafen von Cotonou sieht. Was hier kein Mensch kauft (zu hoher Spritverbrauch, keine Ersatzteile), sind die seltenen 505 V6. Wenn ich da mal einem guten begegne, schlage ich zu. Das wird mal ein Sammlerauto…in 20 Jahren oder so!

Wie fertig die 504 hier wirklich sind, lässt sich kaum beschreiben, und auch auf den Fotos kommt es nicht richtig rüber. Kaum einer hat einen Luftfilter, trotz der staubhaltigen Luft. Das wird wohl als teurer Luxus angesehen.

Die 504 und 505 werden so beladen, wie es der Kunde wünscht. Die Limousinen nehmen neben dem Fahrer noch 6 Erwachsene mit: 4 hinten, 2 auf dem Beifahrersitz. Kinder zählen und zahlen nicht. Wie hoch ist die zulässige Dachlast eines Peugeots? Hier kommen mir welche entgegen, die mehr als eine halbe Tonne alleine auf dem Dach transportieren, 2m und höher aufgetürmt. Bananenstauden, Ziegen, mehrere Motorräder…alles, was nicht mehr reinpasst, muss nach oben.
Dass die Autos das wegstecken, spricht für ihre konstruktive Robustheit. Natürlich wurden alle schon mehrfach geschweißt. Aber die Laufleistungen dürften sich bei einigen auf 2 Millionen km kumuliert haben, in ihrem täglichen Langstreckeneinsatz. Noch bemerkenswerter ist das, wenn man die katastrophalen Straßenzustände einberechnet. Kratertiefe Schlaglöcher, denen man oft einfach nicht ausweichen kann. Extrem erodierte Pisten, die die Stoßdämpfer zum Glühen und die Karosserie zum Ächzen bringen. Opel, der Zuverlässige – Peugeot, der Unzerstörbare!

Ich selbst bin durch meine Eltern zum Peugeot- (und Citroen-) Fan geworden. 1963 kauften sie einen damals nagelneuen elfenbein-weißen 404 Familiale, der in 9 Jahren 140.000 km herunterspulte (zu jener Zeit bekam man als Käferfahrer eine Plakette von VW, wenn man die 100.000 geschafft hatte!), bis die Kopfdichtung ihren Geist aufgab. Darauf folgte 1972 einer der ersten 504 Familiale in dunkelgrün, der etwas mehr Platz und Leistung aber sonst eigentlich keine großen Vorteile gegenüber dem 404 mit seinem Flüstermotor hatte. Der hatte nur ein relativ kurzes Leben, da in ihn 1977 ein Lkw hinten reinkrachte – Totalschaden. Auch er hatte Probleme mit der Kopfdichtung. Das war das Dauerleiden vieler Peugeots. Beim 504 durch die sich im Laufe der Zeit langsam setzenden Laufbuchsen ausgelöst.
Der letzte 504 meiner Eltern war ein roter 1977er Break L. Da hatten sie am falschen Ende gespart: Nur noch 1800ccm, 73PS, extrem kurze Gesamt-Übersetzung, die den Motor bereits bei 120 sehr hoch drehen ließ und eine sehr spartanische Ausstattung. Immerhin hatte der das wohl robusteste Armaturenbrett: Das metallene aus dem 404 mit dem Bandtacho aus dem ersten 304. Die Lenkradschaltung dagegen war nie ein Nachteil. Sie war sogar exakter als die später verbaute Knüppelschaltung. Auch dieser 504 wurde letztendlich Opfer des schnellen Rostfraßes und musste 1984 einem 205 GRD weichen, da die Familie inzwischen geschrumpft war. Vielleicht ist er heute noch in Afrika im Einsatz?

Ich selbst habe in den 80er Jahren neben diversen Renaults (R12, R16, R20) auch zwei 504 durch die Sahara gefahren. Komfortabler ging es gar nicht. Das Fahren im Sand machte wegen der weichen Federung und der vergleichsweise starken Motoren großen Spaß!!

1990 ging es mit einem zitronengelben 504L Bj. 1975 über Tunesien zum Wau-En-Namus Vulkankrater in Libyen und weiter durch Südostalgerien in den Niger. Begleitet wurde ich von einem Freund in einem grünen 1976er 504 GL. Keine Pannen, keine besonderen Vorkommnisse. Im Jahr drauf mit einem wunderschönen 504 GL der letzten Serie (1979) durch Tunesien und Algerien in den Niger. Bereits damals waren die 504 in D schon ziemlich selten und aus dem Straßenbild verschwunden. Aber eben auch so verrostet, dass beim zu schnellen Überfahren einer kleinen aber steinharten Düne der Rost richtig aus dem Motorraum spritzte und in Tamanrasset (Südalgerien) erst einmal ein mehrtägiger Schweiß-Aufenthalt eingelegt werden musste, um die Federbeinaufnahmen zu stabilisieren. In dieser Beziehung war der 505 wesentlich stabiler… aber eben nur vorne.

Bevor ich jetzt Romane schreibe, schicke ich die Mail einfach mal los mit ein paar Bildern im Anhang, vielleicht mögen Sie  ja das eine oder andere irgendwo auf Ihrer Seite einstellen.

Ich hoffe, dass ich auch noch mal einen schönen 504, am liebsten einen TI, mein eigen nenne. Ach, hätten wir sie doch nicht alle nach Afrika verschoben…

Herzliche Grüße aus Porto Novo,

Sebastian Seitz

Hier noch ein fotografischer Nachtrag: Direkt gegenüber meines Büros parkt dieser 504 aus nigerianischer Fertigung. Bemerkenswert die nachgerüsteten Klarglas-Rückleuchten, die ich hier schon mehrmals gesehen habe und die es auch für den Familiale gibt. Keine Ahnung, wo die gefertigt werden.

Ich bin an einem 1977er 504 GL dran, der in akzeptablem Zustand zu sein scheint. Für hiesige Verhältnisse natürlich. Die Sitze wurden zwar mit Kunstleder neu bezogen, aber das wurde zufriedenstellend durchgeführt. Die beninische Besitzerin meinte zwar zuerst, sie würde sich für kein Geld der Welt von dem Wagen trennen, rief mich ein paar Stunden dann aber doch zurück, um zu sondieren, wie viel ich denn zahlen würde. Mal sehen, ob der Kauf zustande kommt.

Viele Grüße aus Porto Novo

Sebastian Seitz

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